Deutsch | English | français
Die deutsche Bühne 8/08 Warten auf Heidi Opernnetz.de WDR Mediathek Basellandschaftliche Zeitung, 27.11.07 Aargauer Zeitung, 23.01.07 Deutschlandfunk WDR Mosaik: Review

Die deutsche Bühne 8/08

Monty Python auf der Alm

Uraufführung in Bielefeld: „Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?“


VON DETLEF BRANDENBURG


Ach ja: das Dörfli und das Heidi und der Alpöhi, das Schwänli und das Bärli und das Schneehöppli – fast hatten wir sie alle schon vergessen und haben deshalb rasch noch mal nachgelesen zur Uraufführung des szenischen Musikpanoramas „Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?“, zu dem Leo Dick die Musik und die Inszenierung, Felizitas Ammann den Text und Tassilo Tesche die Szenographie beigesteuert haben. Und das was gut so, denn wir konnten brauchen, was wir gelesen hatten. Dick und Ammann verhackstücken Handlung und Text der beiden „Heidi“-Romane von Johanna Spyri (deren zweiter den Titel trägt: „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“) nach allen Regeln des neuen Musiktheaters. Und da ist es schon hilfreich, wenn man die gesungenen, gesprochenen, gehaspelten, zerdehnten Textfragmente umgehend zuordnen kann. Sonst wäre man wohl etwas ratlos gewesen, was da verhandelt wurde.
Was vielleicht aber so schlimm auch wieder nicht gewesen wäre. Im Programmheft spricht Leo Dick zwar sehr eloquent über „Utopie Heidi“, die allerdings nicht in persona auftritt, sondern im Schnittpunkt der Sehnsüchte ihrer Mitmenschen präsent sein soll. Aber für das faktische Bühnengeschehen ist Heidi eigentlich nicht so sehr Thema als vielmehr Anlass. Dick nämlich ist vor allem ein Klangaktionist, der sich durch die Welt der Romane zu aberwitzigen Artikulationen aller Arten auf einem überwiegend folkloristischen Instrumentarium hat inspirieren lassen. So wurde die Produktion jedenfalls ihrem Auftraggeber gerecht: dem Fonds experimentelles Musiktheater der Kulturstiftung NRW, der das Werk gemeinsam mit dem Theater Bielefeld im Theater am alten Markt herausbrachte.
Das beginnt mit einem Alphorn-, Kuhglocken, Ratschen- und Jodelspektakel draussen auf dem Alten Markt und führt über eine etwas obsolete Klanginstallation im Foyer ins Theater selbst. Dort folgen die zwölf singenden, musizierenden und agierenden „MusikerdarstellerInnen“ Heidi zunächst nach Frankfurt, wo sie der an Rollstuhl gefesselten Klara bei ihren „Lektionen“ Gesellschaft leisten, und dann auf die Alm, wo Klara gesund und auch sonst alles gut wird. Tesche markiert die Frankfurter Unterrichtsstunden durch einen bühnenbreiten Schreibtafel-Paravant und die Bergwelt durch einen mit einem Riesenlaken verhüllten Tischeberg. Und Dicks oft skurrile, aber recht genau gearbeitete Musik funktioniert nach dem Prinzip verschachtelter „Patterns“, die sich je nach szenischem Bedarf verlängern oder abkürzen lassen und auf bestimmte Signale wechseln können. Die verfremdeten Artikulationsweisen auf Volksmusik-Instrumenten sind ausgesprochen unterhaltsam, während die Gesangspartien einige Vokalartistik verlangen – das Wort „Heidi“ eignet sich durchaus als Lautmaterial einer Koloratur-Arie.
Diese schräge Artistik vor allem macht den Reiz des Abends aus, man erlebt eine Art alpenländischen Monty Python’s Flying Music Circus, bei dem das Ensemble zu immer neuer Hochform aufläuft. Neben den tollkühnen Instrumental-Alpinisten beeindrucken vor allem die virtuos quinquillierenden Sängerinnen Danielle Bonito-Salès als Klara und Barbara Berger als Dete, der musikalische Leiter Titus Engel hält den avantgardistischen Almauftrieb tadellos zusammen. Am Ende höchst animierter Beifall.



© The Author | Added: 08/07/08, 11:09:19