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Die deutsche Bühne 8/08 Warten auf Heidi Opernnetz.de WDR Médiatheque Basellandschaftliche Zeitung, 27.11.07 Aargauer Zeitung, 23.01.07 Deutschlandfunk WDR Mosaik: Critique

Warten auf Heidi

"Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?"

in Bielefeld uraufgeführt


von Anke Groenewold


Vokalakrobatische Monologe (Foto: M. Stutte)


Bielefeld. Das Vorspiel ist gratis für alle, die zufällig vorbeikommen: An Häusern rings um den Bielefelder Alten Markt hängen Tarnnetze mit Knusperhäuschen-Silhouette, aus denen es alpin tönt. Alphörner tuten, Holzratschen schnarren, Glocken scheppern, und es wird sogar gejodelt. Ja, so klingt sie, die Schweiz. Das Stück Musiktheater, das gleich drinnen zur Uraufführung kommt, heißt "Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?" - in Anlehnung an Johanna Spyris zweites Buch über das liebreizende Waisenkind, "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat".

Ein "Szenisches Musikpanorama für zwölf Musikerdarsteller" hat der 31-jährige Schweizer Komponist Leo Dick sein Werk genannt, das in Zusammenarbeit mit Felizitas Ammann (Textarbeit, Szenarium) und Tassilo Tesche (Szenografie) entstand. Es lockt mit akustischen Klischees ins Theater. Drinnen freilich werden Klischees auf den Kopf gestellt. Wer glaubte, Heidi zu kennen, wird ihr hier ganz neu begegnen. Dabei tritt sie gar nicht auf.

Heidi existiert nur in den Köpfen von Klara, Tante Dete, dem Alm-Öhi und den anderen Gestalten aus Spyris Büchern. Sie leiden am Leben und an der Gesellschaft, und so träumt jeder seinen persönlichen Heidi-Traum. Heidi ist ein Glücksversprechen, die Vision von einem natürlichen, freien, unverbogenen Leben, das Ende aller Zwänge, Konventionen und Qualen. Am Ende werden alle Heidi in einer ergreifend-beklemmenden Szene vor einem Berg aus Schultischen im Chor gemeinsam beschwören.
Magischer Gleichklang in Keramikschüsseln

Doch zunächst sammeln sich die Zuschauer im Foyer, wo die Klanginstallation von draußen ihre intensive Fortsetzung findet. Bis die Akteure Münzen in Keramikschüsseln kreisen lassen und einen magischen Gleichklang erzeugen, der auch das hereinströmende Publikum still werden lässt. Doch schon treibt Alm-Öhi Helmuth Westhausser es ruppig in den Saal.

Die Schweizer Berge erheben sich mitten in den Zuschauerreihen. Es sind drei große Leitern, die der Alm-Öhi und zwei polternde Geißenpeter später in einer klanglich aggressiven, grotesken Szene erklimmen werden. Auf der Bühne eine große Schultafel, gefältelt wie eine Ziehharmonika, in den Nischen Charaktere der Heidi-Bücher: der Arzt (Stefan Imholz), Fräulein Rottenmeier (Annekatrin Klein), Diener Sebastian (Danielle Pintaudi).

Den Lehrer gibt Titus Engel, musikalischer Leiter der Aufführung. Vom Stehpult aus dirigiert er und setzt mit dem schmerzhaft spitzen "Ping" einer Hotelglocke Akzente. Dieser erste Abschnitt, der die verstörte Frankfurter Gesellschaft um Klara vorstellt, gipfelt in einer krachigen Percussion-Sequenz mit Holzschuhen.

Zwei Sängerinnen beherrschen das Geschehen. Danielle Bonito Salès spielt die an den Rollstuhl gefesselte Klara, eine äußerst anspruchsvolle Partie. Ihre vokalakrobatischen , farbenreichen Monologe loten das weite Feld zwischen Laut, Sprache und Gesang aus und künden von unendlicher Einsamkeit.
Musik mit Butterfass und Löffelklappern

Brillant auch Barbara Berger als Heidis Tante Dete, die ebenfalls für unvergessliche Momente sorgt - etwa wenn sie auf einem konisch zulaufenden Butterfass bläst, oder dem Alm-Öhi mit Löffelklappern kontert.

Nacherzählen lässt sich dieses Stück nicht. Den Darstellern sind zwar Rollen zugeordnet, aber ein klassisches Rollenspiel, das chronologisch Szenen aus dem Buch reproduziert , gibt es nicht. Das Stück ist momenthaft und assoziativ. "Szene" entsteht auch dadurch, dass die Musikerdarsteller Hörbares erzeugen - ob mit der eigenen Stimme, mit Instrumenten oder Alltagsgegenständen. Etwa, wenn Tante Dete mit dem Besen rhythmisch über den Boden fährt. Oder wenn die Großmutter (Christín Mollnar) eine präparierte Milchkanne über die Bühne rollt.

Zither, Toy-Piano, Geige, Melodika, Kontrabass, Glocken, Alphörner und Maultrommeln, Weingläser und Sägen gehören zum Instrumentarium. Jedes Instrument ist mit einer Erwartungshaltung verbunden. Ein Alphorn ist Folklore, Geige ist Klassik, Melodika kindisch. Doch auch diese Klischees unterläuft der Komponist, denn die Instrumente werden unkonventionell gespielt, inszeniert oder bearbeitet.

Das knapp zweistündige, kurzweilige Stück ist aufreizend kantig, von hoher sinnlicher Qualität und lässt viel Spielraum für Assoziationen und Interpretationen. Das scheinbar Vertraute ist plötzlich wieder fremd, und das ist enorm erfrischend. Ein Ereignis, das lange nachwirkt.



© The Author | Ajouté: 07/08/2008, 11:29:56