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Deutschlandfunk

„Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?“

Rezension für Deutschlandfunk, Musikjournal  9.6.2008
Redaktion: Falk Häfner
Autor: Raoul Mörchen


Für die Anmoderation:

„Heidi“ ist die dritte Produktion des „Fonds Experimentelles Musiktheater“ vom NRW Kultursekretariat. Eine Jury entscheidet hier über Anträge, „die im gemeinschaftlichen Entwicklungsprozess das Verhältnis von Sprache und Musik beleuchten und unter Einbeziehung von Komponenten aus Musiktheater, Schauspiel und bildender Kunst in neuen Darstellungsformen sinnlich erfahrbar machen..“ und fördert sie mit 80000 Euro. Mit dieser Projektförderung schalten sich dann einzelne NRW-Bühnen dazu, an denen dann die vorfinanzierte Produktion aufgeführt wird.
Der „Fonds Experimentelles Musiktheater“ ist seit 2005 eine Ergänzung des schon länger existierenden „Fonds neues Musiktheater“, wo eher nach dem Gieskannenprinzip Aufführungen neuerer Opern (meist konventionelle Literaturopern) mitfinanziert werden.


Musik
Doktor und Klara

Man sieht viele, doch keine Heidi, man hört Musiktheater, doch keine Oper. Dabei wurde die Anwesenheit beider doch entschieden suggeriert: die Anwesenheit des Mädchens durch den Titel, die der Gattung durch den Ort. Doch man darf wohl vom Komponisten Leo Dick auf seine Frage „Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?“ im Ernst keine Antwort im üblichen Sinne erwarten, und eben auch keine Oper, bloss weil er die titelgebende Frage nach Heidi mit musikalischen Mitteln in den Räumlichkeiten eines traditionellen Stadttheaters stellt.


Musik, kurz

Ein Mädchen sitzt im Rollstuhl, schreibt an Heidi aufgeregt einen Brief über die anstehende Reise – das kann nur Klara aus Frankfurt sein, die kranke Freundin. Daneben der Mann, der so entschieden von der Reise abrät und seine Besorgnis rhythmisisert, indem er zwei kleine medizinische Fläschchen auf seinen Fingern wie Kastagnetten gegeneinander schlägt – das muss Klaras Doktor sein. Später wird er der Reise doch noch zustimmen, und drum wird Klara zu Heidi auf die Alm kommen. Auch sie wird die Tannen rauschen und die Ziegen meckern hören und durch die Ursprünglichkeit des einfachen Lebens schlussendlich sogar kuriert. Nach und nach macht es Klick, fallen einem immer mehr Details der berühmten Geschichte von Johanna Spyri ein. Und genau darauf, auf unsere Erinnerung an Heidi setzt Dick gemeinsam mit seinen Kollegen, der Autorin Felizitas Ammann und dem Bühnenbildner Tassilo Tesche: dass eben so gut wie jeder irgendwann einmal in seiner Kindheit oder Jugend die beiden Heidi-Romane Spyris gelesen oder zumindest deren Verfilmung gesehen hat. Darum, so die gutlistige Schlussfolgerung des Autorenteams, darum braucht das Musiktheater die Geschichte nicht noch einmal zu erzählen.
Frei vom Zwang der Narration soll es sich anderen, womöglich elementareren Aufgaben widmen: soll in der kompositorischen Verfügung über Menschen, Gesten, Sprache und Gesang, Geräusch und Klang, Bewegung und Raum dem Glücksversprechen des Heidi-Mythos‘ auf den Zahn fühlen.


Musik

Der auffallend ungelenke Titel ist ein Richtungsweiser. „Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?“ das klingt ernsthaft zweifelnd, weil hier zur Frage wird, was Spyri im zweiten Heidi-Band noch als Faktum hingestellt hat. Der heisst nämlich „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat.“ Gelernt hat das Naturmädchen Heidi einiges, während seines Zwangsaufenthalts in der grossen Stadt Frankfurt: Lesen und Schreiben und Bildung, die Grundpfeiler aller Kultur also: Eine im Zickzack aufgestellte lange Wand aus Schultafeln bildet bei der Bielefelder Uraufführung lange Zeit die wesentliche räumliche Folie, vor der sich das Geschehen abspielt: Ein blosses Dutzend Akteure, die Musiker und Darsteller sind – ein fulminantes ad-hoc-Ensemble unter der Leitung von Titus Engel – sie umkreisen bar jeder Chronologie jene Heidi, die das Publikum nie zu Gesicht bekommen wird. Zwei grössere quasi-instrumentale Zwischenspiele gliedern die losen Folge unabhängiger Theaternummern und sind vielleicht deswegen der kompositorische Ausnahmefall: Denn Musik im herkömmlichen Sinne, als für sich stehende Kunstform, gibt es sonst nirgends. Was man hört, wird meist unmittelbar aus der Szene, aus dem, was gesagt und erzählt wird, aus der Bewegung und dem Sachinventar abgeleitet: Es wird gefegt und geschoben, laut mit Kreide geschrieben oder mit Holzschuhen aufgetreten, es wird geklingelt und geläutet. Selbst die beiden Klaviere, die lange die Szene flankieren und offenbar für die Sphäre des grossstädtischen Bürgertums stehen, füttern das Theater nur mit nervös-flinkem Skalenwerk und fordern nie alleinige Aufmerksamkeit.


Musik

Keine Heidi-Oper also, sondern eine Heidi-Revue mit den Mitteln des neuen Musiktheaters. Was den traditionsbewussten Operngänger verwundern mag, hat mit und seit Cage und Kagel natürlich längst eine eigene Tradition. Bei einem ihrer originellsten Vertreter, Georges Aperghis, hat der 31jährige Schweizer Leo Dick bis zum letzten Sommer sogar noch studiert. Das kann man nicht nur allenthalben hören, sondern im Schriftbild der Partitur sogar sehen, wenn etwa der schrittweise Aufbau eines grösseren Zusammenhangs aus einer kleinen Ausgangszelle, einem einzelnen Wort beispielsweise, die Form einer Pyramide annimmt: bei Aperghis finden sich solche, den Leser wie Darsteller gleichermassen animierende Gebilde, allenthalben.
Ganz im Sinne von Aperghis hat Leo Dick seinen Aufgabenbereich als Komponist bei dieser „Heidi“ sehr weit gefasst. Obwohl er sich den Text von der Librettistin Felizitas Ammann auf der Basis des originalen Wortlauts zuarbeiten und die Szenerie eben von Tassilo Tesche einrichten liess, ist das Theater in seinen Grundzügen bereits in der Komposition genau vorgezeichnet. Mit etwas mehr Erfahrung könnte Dick auch den Rest eines Tages allein entwerfen: eine beinahe zwingende Schlussfolgerung aus der ästhetischen Disposition eines solchen Musiktheaters.
Jede Szene entwirft mit grosser Phantasie neue instrumentale, vokale, theatralische Konstellationen, alpine Versatzstücke wie Zither und Alphorn werden vergnüglich von folkloristischen Klischees befreit. Dem Musiktheater bekommt das über kurzweilige anderthalb Stunden so gut, dass es selbst zum eigentlichen Thema wird. Die Dialektik von Heimat und Fremde, von Natur und Kultur, von Ursprung und Verlust gerät dabei in den Hintergrund. Zwar trägt beispielsweise die Gegenüberstellung von komponierten und eher improvisierten Passagen einiges bei zur inneren Bewegung des Theaters – als Symbol des Widerstreits von Ordnung und Freiheit, als Symbol für Klaras Welt einerseits und Heidis Welt andererseits, geht es in der Flut der Einfälle unter.
Keine Ahnung also, ob das Heidi brauchen kann, was es gelernt hat. Sicher aber kann das Musiktheater heute solche Arbeiten brauchen und weiter davon lernen. Auch Leo Dick selbst kann das noch.



© The Author | Online seit: 08.08.2008, 15:42:43