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Berner Zeitung, 12.09.2011 Der Bund, 12.09.2011 Die deutsche Bühne 8/08 Der Bund, Bern, Rezension vom 16.09.08 Warten auf Heidi Opernnetz.de WDR Mediathek Basellandschaftliche Zeitung, 27.11.07 Aargauer Zeitung, 23.01.07 Deutschlandfunk WDR Mosaik: Rezension

Der Bund, Bern, Rezension vom 16.09.08


Musikalischer Parcours ohne Heidi


Schweizer Erstaufführung im Konservatorium Bern eines Szenischen Musikpanoramas von Leo Dick¨


Der 1976 in Basel geborene Komponist Leo Dick und sein Team vergnügten an der Biennale Bern mit ihrer Bielefelder Produktion «Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?».
Auf dem Flachdach im Innenhof des alten Konservatoriums Bern: Zu undeutlichem Stimmengewirr und aus umliegenden Fenstern erklingenden Alphornklängen und kreischenden Ratschen betritt das Publikum den Aussenraum und gleitet nahtlos in die künstlerische Produktion hinein, wird so selbst zum Teil des klanglich-geräuschhaften Schauspiels. Einige Minuten dauern diese naturalistischen Hornrufe und Alpklänge an. Dann ziehen die Darstellerinnen und Darsteller in einer Prozession unter Talerschwingen hinab. Hinter ihnen her trottet das Volk – oder ist es die Ziegenherde? –, angetrieben von zwei wild trötenden Geissenpetern.


Kakofonie und Jodelrufe


Es folgt der symbolische Abstieg in die engen städtischen Gefilde, nach Frankfurt zu Klara und ihrer Entourage, wo sich augenblicklich Hektik breit macht. Die Zeit ist hier eine andere, sie fliesst schneller und lässt einen kaum in Ruhe. Auch die Intensität der Geräusche steigt merklich: Alltagslaute mischen sich mit in sich kreisenden, rasch
wiederkehrenden Wortfetzen und scheinbar beliebigem Klaviergeklimper und Walzerklängen (musikalische Leitung Titus Engel). Die Kakofonie lässt den Zuhörer den Stress regelrecht spüren, während dazwischen gesetzte Jauchzund Jodelrufe die Ruhe und Weite der fernen Bergwelt erahnen lassen.
In einer kurzen Einführung vor dem Konzert, das im Rahmen der Biennale Bern als Schweizer Erstaufführung gezeigt wurde, erläuterte der 1976 in Basel geborene und in Bern lebende Komponist Leo Dick seine Absicht, die
verschiedenen kontrastierenden Sphären aus Johanna Spyris populärem Buch einander gegenüberstellen zu wollen. Zum Beispiel suchte Dick, der in Berlin Komposition und Musiktheaterregie studierte und an der Hochschule der Künste Bern bei Georges Aperghis «Théâtre musical», die Konfrontation von Stadt und Alp, von Modernem und
Ursprünglichem. Doch so trivial die Idee und das Vorhaben zunächst scheinen, so überraschend vielschichtig und
komplex präsentiert sich das musikalisch-szenische Resultat. Der Kontrast ist kein einseitiger, sondern splittert sich
auf in zahlreiche Konflikte. Zu der Gegenüberstellung von Kunstmusik und Folklore gesellen sich in der Produktion «Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat?» die Gegensätze Geräusch und Klang, Alltag und Natur, Realität und Illusion, Zeit und Raum.


Spielwitz und Ausdruck


Die Sprachebene zerfällt in Deutsch, Französisch und Englisch. Aber selbst diese Kontraste sind unbeständig. Sie besitzen keine Kontinuität, treten als Bruchstücke in Erscheinung, so dass die Grenzen zerfliessen. Traditionelle Musikinstrumente werden entfremdet und mechanisch verwendet. Wo der Klang aufhört und das Geräusch beginnt,
lässt sich kaum mehr definieren. Singende Sägen erklingen neben Holzlöffeln und Maultrommeln. Was ist Wirklichkeit, was Fiktion?
Über vier Stationen führt dieses Spiel mit der Wahrnehmung. Dabei beeindruckten die zwölf Sänger und Musiker,denen theatralisch einiges abverlangt wurde (Szenografie Tassilo Tesche, Libretto Felizitas Ammann), sowohl auf
musikalischer Ebene als auch durch ungemeinen Spielwitz und packende Ausdrucksstärke. Allein Heidi fehlte auf der Bühne. Mit gutem Grund: Der Komponist will es so. Er sieht Heidi als (abwesende) Integrationsfigur, als Verkörperung einer heilen Welt und der Sehnsucht der Menschen nach Glücklichsein. Als Utopie, in der die unglücklichen Aussenseiterfiguren zusammen geführt werden.


Der Bund, Michael Matter [16.09.08]

© The Author | Online seit: 04.11.2008, 22:16:36