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Berner Zeitung, 12.09.2011 Der Bund, 12.09.2011 Die deutsche Bühne 8/08 Der Bund, Bern, Rezension vom 16.09.08 Warten auf Heidi Opernnetz.de WDR Mediathek Basellandschaftliche Zeitung, 27.11.07 Aargauer Zeitung, 23.01.07 Deutschlandfunk WDR Mosaik: Rezension

Der Bund, 12.09.2011

Im Assoziationsgewitter unterwegs

Gelungenes Konzept, überzeugende Darsteller: Leo Dick bahnt mit seinem überraschungsreichen Musiktheater «Der Wunsch, Indianer zu werden» ganz neue Wege ins Berner Stadttheater und nach Amerika.

 

Träume sind manchmal stärker als die Realität. Etwa bei Karl May, der in seinen Büchern von ausgedehnten Trecks durch die amerikanische Prärie und atemraubenden Erlebnissen mit indianischen Völkern berichtete, dabei aber selbst im Gefängnis war und erst ganz am Ende seines Lebens real in der Neuen Welt ankam. Alle anderen Reisen, wie konkret er sie seinen Leserinnen und Lesern auch schilderte, fanden ausschliesslich in seinem Kopf statt. Auch der Komponist und Regisseur der Uraufführung im Rahmen des Musikfestivals Bern, Leo Dick (Interview im «Bund» vom 7. 9.), schickt sein Publikum mit Anleihen bei Karl May und Franz Kafka und dem «Wunsch, Indianer zu werden» auf eine ungewohnte Reise in ein imaginäres Amerika – und in ein Theater, das man aus dieser Perspektive noch nie gesehen hat.

Der Abend beginnt denn auch nicht etwa im grossen Haus am Kornhausplatz, sondern zwei Querstrassen weiter, beim Eingang zum Le Cap in der Predigergasse. Treffpunkt ist zwar draussen, doch pünktlich wird man von der Besatzung (Stephanie Ritz, Elisabeth de Merode, Chasper-Curò Mani) aufgefordert, an Bord zu gehen: «Nun ist die Zeit und Stunde da, wir reisen nach Amerika.»

Schiffsladeraum und Irrenhaus

Platz gibts genug im Keller der alten Kornhauspost; auch für einige blinde Passagiere, die zusätzlich an Bord gegangen sind. Und dennoch macht das düstere Gewölbe einen unheimlichen Eindruck. Sperrige Kajüten türmen sich da aufeinander (Bühne, Kostüme: Tassilo Tesche) und wabernde Klänge sowie flimmernde Bildschirme füllen den Raum (elektronische Komposition: Marcel Saegesser), der durch die seltsamen Insassen, die von den Reiseführern geweckt werden, wie eine gespenstische Mischung aus Schiffsladeraum und Irrenhaus wirkt. Eine Lady will die Leute wegschicken, damit sie ihr Abendkleid anziehen kann (Fabienne Jost). Einer schimpft wie ein Rohrspatz und wirft mit zerknülltem Papier um sich (Daniele Pintaudi), und ein anderer krümmt sich von einer körperlosen Stimme malträtiert auf einem Podest (Carlos Esquivel). Kreischen, gurren, flattern, dröhnen – verworren und unübersichtlich läuft alles durcheinander, um sich gelegentlich zu poetischen Momenten zu lichten. Von Handglocken begleitet, erklingt plötzlich eine weit gespreizte, melancholische Gesangsmelodie (Barbara Berger) und bildet einen angenehmen Kontrast zum wirren Gebaren. Oder über die Köpfe singt einer inbrünstig eine arabische Melodie (Wael Sami Elkholy), abgelöst wieder vom Scheppern der Schellen an den zusammengebundenen Füssen.

Schliesslich werden die Passagiere in Gruppen von Bord geführt und unterirdisch, durch einen Schneesturm und vorbei an den Fragen eines Offiziers der Einwanderungsbehörde (witzig, mit Schlagzeug und Kinderklavieren: Annekatrin Klein) nach «Amerika» vorgelassen. Mit dem Lastenaufzug landet man dann direkt auf der Bühne des Stadttheaters.

Jubelchöre auf Amerika

Die Ankunft in der Neuen Welt wird den Ankömmlingen versüsst mit verlockenden Bildern von allerlei zivilisatorischen Errungenschaften bis hin zur Mondlandung, dazu erklingen durch den Chor des Stadttheaters und das Ensemble Ardent (Patrick Secchiari) Jubelchöre auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten: «Ich glaube an Amerika.» Die Botschaft ist klar: Hier kann jeder sein Glück machen, kann es vom Tellerwäscher zum Millionär oder zumindest zum Geschäftsbesitzer schaffen.

Auf einer Plattform in der Luft schwebend leitet Titus Engel die auf sämtlichen Ebenen des Bühnenturms verteilten Musikerinnen und Musiker des Jugend-Sinfonie-Orchesters (JSO) des Konservatoriums Bern durch Leo Dicks Komposition. Mit flächigen Klängen der verschiedenen Register, vielen Trillern und einer verfremdeten Klangcollage mit mehr oder minder erkennbaren Zitaten geraten wir hier in eine Art Broadway-Revue. Auf einer weissen Showtreppe wird zu Banjo- (Chiara Asquini) und Orchesterklängen performt, was das Zeug hält. Doch nicht nur das klischeehafte theatrale Spektakel, auch eine Art Wahlkampf wird genüsslich zelebriert, bevor die Truppe in den goldenen Westen weiterzieht und auch das Publikum zum Aufbruch gemahnt wird.

In der weiten Plüsch-Prärie

Und endlich führt die Reise zu den titelgebenden Indianern: Auf dem Weg über die von Engeln und Teufeln gesäumte Showtreppe und durch das Bühnenportal kann man sich noch einmal etwas die Beine vertreten, bevor man auf der Vorbühne Platz nimmt und nun in den Zuschauerraum blickt, der mit Telefonstangen zu einer weiten, roten Plüsch-Prärie mutiert ist. In seltsamen Kabäuschen haben die Solisten nun über alle drei Ränge verteilt Aufstellung genommen. Um Blutsbrüderschaft und Bärenjagd geht es hier, um indianische Kunst und um das von Franz Kafka erdichtete Theater von Oklahoma, das noch Künstler sucht. «Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann!» Mit Stimmcollagen, elektronischen und orchestralen Überlagerungen und szenischer Interaktion schafft Dick wahre Assoziationsgewitter, die allerdings oft arg bedeutungsschwanger anmuten. Zudem hält sich die Textverständlichkeit teilweise in engen Grenzen. Doch Amerika entsteht eben im Kopf – und so bringt dieser unterhaltsame Theaterabend eine Reise in eine fantasievolle und fantastische Neue Welt für all jene, die wie Kafka und Karl May immer nach Amerika wollten und trotzdem am liebsten zu Hause bleiben, um sich die eigenen Träume von diesem Land der (scheinbar) unbegrenzten Möglichkeiten zu bewahren.

© The Author | Online seit: 15.04.2012, 18:52:46