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Berner Zeitung, 12.09.2011 Der Bund, 12.09.2011 Die deutsche Bühne 8/08 Der Bund, Bern, Rezension vom 16.09.08 Warten auf Heidi Opernnetz.de WDR Mediathek Basellandschaftliche Zeitung, 27.11.07 Aargauer Zeitung, 23.01.07 Deutschlandfunk WDR Mosaik: Rezension

Berner Zeitung, 12.09.2011

Reise ins Land der geraubten Illusionen

 

STADTTHEATER «Der Wunsch, Indianer zu werden» von Leo Dick wurde am Samstag uraufgeführt und beginnt im Untergrund des Stadttheaters. Trotz Längen vermag das Stück zu packen.

Von Maria Kiinzli

«Ich bin in Amerika reich geworden», singt der Chor. Doch er singt es zu schrill, als dass es wahr sein könnte. Zu viel Hoffnungslosigkeit steht in den Gesichtern der Passagiere. Mit dem Ozeandampfer «Independent Trader» sind sie in See gestochen und hofften auf das Amerika ihrer Träume. Doch die Reise war beschwerlich, der Zoll eine Schikane. «Name. Alter. Geschlecht», fragt eine Zollbeamtin monoton, ohne aufzublicken. «Können Sie lesen. Schreiben. Muttersprache.» Schliesslich wird man durchgewinkt.

Stationentheater

«Der Wunsch, Indianer zu werden» ist ein Musiktheaterstück, das der Basler Komponist und Regisseur Leo Dick im Auftrag des Stadttheaters Bern schrieb. Eine Vorgabe war, die Räume des Stadttheaters auf eine neue Art zu bespielen. Am Wochenende wurde das Stationentheater für 150 Zuschauer und fast ebenso viele Mitwirkende im Rahmen des Musikfestivals Bern uraufgeführt. Die Reise beginnt an einem Seiteneingang neben der Französischen Kirche und führt hinunter in den Lagerraum des Stadttheaters. Wo sonst Bühnenbilder und Requisiten lagern, hausen nun die Schiffspassagiere. Das Publikum ist mit an Bord und Teil der Geschichte. Geschickt nutzt Leo Dick die Akustik: Die Sänger sind im Raum verteilt, durch den Hall fällt es schwer, sie zu orten. So ist die Atmosphäre noch unbehaglicher.
Das Schiff legt an. Vom Zoll gehts mit dem Frachtenlift hoch auf die Stadttheaterbühne. Noch ist die Tür zum Zuschauerraum, zum erträumten Amerika, verschlossen, die weissen Stufen führen ins Nichts. Erst im dritten Teil wird man angelangt sein im Land der Indianer, der Künstler und der geraubten Illusionen. Doch noch steht der Dirigent Titus Engel auf der kleinen Schwebebühne vor der weissen Treppe, mit weissem Anzug und zerzaustem Resthaar. Der Chor des Stadttheaters und die Musiker des Jugend- Sinfonie- Orchesters Konservatorium Bern sind auf den schmalen Gängen des Bühneninnenraums verteilt, sodass der Klang nun von oben kommt.
Es ist heterogene, betörend assoziative Musik, mit vielen Zitaten, die collageartig zusammengefügt wurden: die amerikanische Nationalhymne, Wilder Westen, Broadway-Anleihen, ein bisschen «Westside». Textlich stützt sich Leo Dick auf Karl May und Franz
Kafkas «Amerika»-Roman. «Der Wunsch, Indianer zu werden», kommt aber ohne eigentliche Handlung oder Dialoge aus. Auch hier hält sich der Komponist an Assoziationen, was über weite Strecken gut funktioniert: Klangcollagen, die schrillen Figuren, die Kulisse - man ist auch ohne Handlung gut unterhalten. Auch, weil Leo Dick geschickt mit Klischees und deren Verfremdung spielt. Aus der Freiheitsstatue wird eine skurrile Amibraut im Tüllrock (Fabienne Jost), der Cowboy entpuppt sich als arabischer Schmusesänger (Wael Sami El Kholy).
Ausgezeichnetes Ensemble «Der Wunsch, Indianer zu werden» lebt von den originellen Schauplätzen und von einem durchwegs engagierten, sängerisch wie darstellerisch ausgezeichneten Ensemble. Nur schade, dass sich gerade im dritten Teil immer wieder Längen aufbauen. Das liegt zum einen an der im Vergleich zu den anderen Stationen eher statischen Umsetzung. Zum andern ist man nach zwei Stunden, drei Ortswechseln, zahlreichen Figuren, Zitaten und Assoziationen schlicht übersättigt, sodass das insgesamt eindrückliche Werk gegen Ende an Dringlichkeit verliert und zu plätschern beginnt.

 

© The Author | Online seit: 15.04.2012, 19:07:32